Der CVJM auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010
Ich war dabei – Junge Leute fragen Zeitzeugen
Der 2. Ökumenische Kirchentag in München fand zwischen zwei Jubiläen statt, zwischen dem 20. Jahrestag des Mauerfalls und dem 20. Jahresstag der Wiederherstellung der deutschen Einheit. Der CVJM-Gesamtverband hatte zu seiner Veranstaltung "Ich war dabei – Junge Leute fragen Zeitzeugen" vier Zeitzeugen eingeladen. Sie berichteten von ihren DDR-Erfahrungen: Wolfgang Thierse aus Berlin, Ulrike Poppe und Eberhard Heiße aus Brandenburg und Thilo Hoppe aus Niedersachsen. Die etwa 180 Gäste hörten gespannt zu. Die meisten von ihnen waren nach 1989 geboren und kennen die Zeit der deutschen Teilung nur aus den Geschichtsbüchern.
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse war zu DDR-Zeiten bewusst in keiner Partei und gehörte in der Wendezeit zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Partei der DDR, die er als einzige wirkliche Parteineugründung bezeichnete. Ein halbes Jahr später sei er deren Vorsitzender gewesen. "So etwas gibt es nur in revolutionären Zeiten.", so der jetzige Bundestagsvizepräsident, der inzwischen zu den dienstältesten ostdeutschen Bundestagsabgeordneten gehört. Er rief in Erinnerung, dass die 89er Revolution auch hätte scheitern können. "Die Kampfgruppen standen bereit." Thierse verteidigte die verhältnismäßig geringe Opferrente für Verfolgte des DDR-Regimes, die zudem nur bei Bedürftigkeit ausgezahlt wird. Wichtiger als Geld sei, dass diese Menschen ihre Geschichte erzählen könnten und ihnen jemand zuhöre.
Ulrike Poppe, die heutige Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur im Land Brandenburg und frühere DDR-Bürgerrechtlerin, war 1983 zusammen mit Bärbel Bohley wegen "Verdachts auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung" verhaftet worden. Der Grund hierfür war, dass an der Grenze bei einer englischen Freundin Gesprächsnotizen gefunden wurden. Zwei Tage nach ihrer Verhaftung war der von ihr mitgegründete Kinderladen von der Stasi zerstört und geschlossen worden. Die evangelische Kirche habe geholfen und die betroffenen Kinder in einen evangelischen Kindergarten aufgenommen. In der Wendezeit vertrat Ulrike Poppe die Bürgerbewegung "Demokratie jetzt" am zentralen runden Tisch der DDR. Der "Runde Tisch", dem Vertreter der Parteien und Bürgerrechtsbewegungen angehört hätten, habe u. a. die Aufgabe gehabt, ein Wahl- und ein Pressegesetz zu erarbeiten um damit die Voraussetzung für freue Wahlen zu schaffen.
Eberhard Heiße war in den 70er- und 80er-Jahren Jugendwart in Marienberg im Erzgebirge. Die wachsende Jugendarbeit und sein offenes Haus für Soldaten der Marienberger Kaserne stießen bald auf das Missfallen der Staatsmacht. An kirchliche Mitarbeiter habe man sich aber nicht so direkt herangetraut. Er ist davon überzeugt, dass man auch ihn mit der Verhaftung zweier seiner Kinder treffen wollte. Sein Sohn war verhaftet worden, weil er beim Verlassen eines Geschäftes kritische Bemerkungen über die Versorgungslage in der DDR gemacht hatte. Seine Tochter war bei einem Fluchtversuch geschnappt worden. Nach einem Gefängnisbesuch bei ihrem Bruder habe sie nicht mehr in der DDR leben wollen. Wenn er heute Schülern erzähle, dass seine Tochter verhaftet worden sei, weil sie nach Italien fahren wollte, würden sie ihm das zunächst überhaupt nicht glauben.
Für Thilo Hoppe, dem einzigen Westdeutschen auf dem Podium, endete mit dem Mauerfall das lebenslängliche Einreiseverbot in die DDR. Der Diakon und Journalist war bei den DDR-Behörden in Ungnade gefallen, weil er eine Frau aus der DDR geheiratet hatte. Allerdings sei er am 9. November an der Grenze noch abgewiesen worden. Sein zweiter Versuch am 10. November sei dann erfolgreich gewesen. Zu Bündnis 90/Die Grünen kam Thilo Hoppe über Bündnis 90, ein etwas ungewöhnlicher Weg für einen Westdeutschen. Die Grünen in seiner Heimat seien für ihn nie infrage gekommen. Da seien die Differenzen in der Frage der Abtreibung viel zu groß gewesen. Als dann klar war, dass sich Bündnis 90 aus der DDR mit den Grünen im Westen zusammentun würden, habe er gemeinsam mit Freunden eine Gruppe von Bündnis 90 in Ostfriesland gegründet.





